Interview mit Nerissa Schwarz und Andreas Hack von


MCR:  Hi, vielen Dank, daß ihr euch Zeit nehmt für ein Interview mit uns. Zuerst einmal, euer neues Album „Last“ ist erneut großartig geworden. Erzählt doch mal, um was es in dem Album geht...

Nerissa:  Vielen Dank, freut mich, dass es dir gefällt! „Last“ ist ein Konzeptalbum, bei dem Musik, Texte und Artwork so eng wie noch nie bei uns zuvor miteinander verwoben sind. Das Booklet ist wie ein Fotoalbum aufgemacht, und die Texte handeln zunächst von einem etwas kaputten Typen, der alte Fotos sammelt, Geschichten über diese schreibt und immer besessener wird von den Emotionen, die er in den Bildern zu entdecken glaubt. In den meisten Songs geht es dann aber um die einzelnen Fotos im Booklet. Nicht um die realen Geschichten dahinter, denn die kennen wir oft gar nicht. Vielmehr sind die Bilder Grundlage für erfundene Geschichten um eine ganze Bandbreite menschlicher Emotionen: Enttäuschung, Einsamkeit, Traurigkeit, Besessenheit, Glücksmomente, Rachefantasien... Fotos sind eine wunderbare Grundlage für solche Geschichten, weil sie so eine kurze Momentaufnahme aus dem Leben eines Menschen sind.

Dabei ist mir immer wichtig, dass das Ganze nicht wahlweise kitschig wird oder nach Psychotherapie klingt. Die Geschichten sind ziemlich düster und haben alle einen surrealen, gespenstischen oder – wie bei dem Song „Diary“ – sogar leicht skurrilen, psychedelischen Touch. Ich möchte die Texte aber nicht zu ausführlich erklären, um niemand die Möglichkeit zu nehmen, sein eigenes Kopfkino aus dem Ganzen zu bauen.

MCR:  Angefangen bei dem Opener „Traces“ ist das neue Album etwas dunkler, düsterer geworden. Bewußt so gewollt oder hat sich das im Songwriting heraus so ergeben ?

Andreas:  Die stilistische Neuausrichtung war durchaus gewollt und auch so geplant. Deshalb steht „Traces“ auch am Anfang, um den Hörern die neuen Elemente vorzustellen. Das Album repräsentiert auch mehr den Sound, den wir bei unseren Konzerten haben. Dieser Klang zeigt auch deutlich, wofür die Musik von Frequency Drift eigentlich steht.

MCR:  Ihr hattet in letzter Zeit Line Up Wechsel und Ergänzungen zu verzeichnen. Unter anderem kam mit Wolfgang Ostermann ein neuer Drummer und bereits vor längerer Zeit Nerissa Schwarz an der Electic Harp hinzu. Inwiefern hat sich der Sound von Freqency Drift dadurch verändert oder erweitert ?

Andreas:  Wolfgang war ja schon auf den ersten drei Alben zu hören und es ist sehr gut, dass er jetzt wieder dabei ist, denn sein sehr besonderes Schlagzeugspiel gibt den Liedern eine weitere Dimension, die vielleicht auf den letzten Alben gefehlt hat. Nerissa hat den Sound der Band entscheidend mit erweitert. Sie hat ja nicht nur zwei Lieder auf dem Album geschrieben, sondern auch mit vielen ungwöhnlichen Sounds, die man so von einer Harfe wohl noch nicht gehört hat, sehr zur dunkleren und schwereren Atmosphäre von Last beigetragen.

MCR:  Ihr bezeichnet euren Sound selbst als Cinematic Rock. Was dürfen Leute, die euch noch nicht kennen, darunter vorstellen ?

Nerissa:  Das ganze Album „Last“ ist eine Art Kopfkino, und jeder einzelne Song darauf ist noch einmal wie ein Film im Film. Es gibt einen Erzählfluss, aber auch Brüche oder überraschende Wendungen. Wie auch in einem Film kann sich die Stimmung schleichend oder auch abrupt wandeln: Zum Beispiel von verträumt zu bedrohlich, von melancholisch zu aggressiv und umgekehrt. Das Besondere an „Last“ ist, dass diesmal jeder der acht Songs auf dem Album verschiedene Stimmungen und Emotionen enthält. Das macht „Last“ aus meiner Sicht zu unserem bislang intensivsten und dichtesten Album. Gleichzeitig hoffen wir aber, dass die Musik zugänglich bleibt, weil wir nach wie vor sehr großen Wert auf packende Melodien legen.

MCR:  Bei eurem Debut „Personal Effects“ ging es um zwei Schwestern. Auf eurem neuen Albumcover sind ebenfalls zwei Mädchen im Portrait zu sehen. Gibt es hier Parallelen ?

Andreas:  Ja, bis zu einem gewissen Grad gibt es hier tatsächlich Parallelen. Wir arbeiten sehr oft mit zwei Figuren, denn so lässt sich sehr gut Spannung erzeugen. Wenn die Figuren für verschiedene, sich zum Teil widersprechende Konzepte stehen, kann man musikalische Reibung erzeugen, die die Musik oft spannender macht. Ich denke, diese Gegensätze wie laut und leise oder harmonisch und dissonant waren von Anfang an bei Frequency Drift Teil des Konzepts und so kann man dies in Ansätzen auch schon auf unserem ersten Album hören.

MCR:  Manche Passagen, wie beispielsweise in dem Song „Shade“ wirken fast verstörend und etwas traurig. Auch wenn ein Xylophon den Song zwischendurch auflockert. Welche Stimmung herrscht bei euch, wenn ihr einen solchen Song schreibt ?

Nerissa:  Tatsächlich erinnere ich mich, dass mir die ersten Ideen zu „Shade“ an einem sonnigen Frühlingstag kamen. Ich muss nicht in einer unmittelbar traurigen oder verstörten Stimmung sein, um einen entsprechenden Song zu schreiben. Derart intensive Emotionen brennen sich einem ja genügend ins Gedächtnis und können bei mir auch zu einem späteren Zeitpunkt Inspiration für Songs sein.

In dem Songtext geht es im Wesentlichen um eine Person, deren Kind beim Spielen am Strand einfach verschwunden ist. Auch wenn das nicht meiner eigenen Biografie entstammt, ist „Shade“ für mich ein sehr persönlicher und aufwühlender Song geworden. Sehr traurig, sicher, aber trotzdem nicht trist, sondern irgendwie auch schön. Er ist auch ein gutes Beispiel für das, was wir mit Cinematic meinen – ein Song, der eine Geschichte erzählt, emotional sehr dicht ist und durch verschiedene Stimmungen führt - Traurigkeit, Hoffnung, Wut, Verzweiflung, Sehnsucht...

MCR:  Euer Release Gig findet in Aschaffenburg als Vorprogramm von RPWL statt. Gibt es einen speziellen Grund, warum ihr diesen Gig ausgewählt habt, oder hat sich das vom Zeitpunkt her einfach so ergeben ?

Nerissa:  Der Zeitpunkt war eine Woche vor Release natürlich ideal, außerdem ist das Colos-Saal eine tolle Location für den Anlass: Eine große und geräumige Bühne, auf der wir unsere ganzen merkwürdigen Instrumente gut unterbringen, und die Möglichkeit, eine größere Anzahl von Leuten zu erreichen. Wir haben vor eineinhalb Jahren schon einmal im Colos-Saal gespielt und freuen uns sehr darauf, wieder dort zu spielen, wo auch schon viele Bands aufgetreten sind, die wir lieben.

MCR:  Ist denn bereits eine richtige Tour geplant oder etwaige Festivalauftritte 2016 ?

Nerissa:  Ein weiterer Gig ist bereits offiziell bestätigt, am 5. Juni in Oberhausen im Rahmen der Gentle Art of Music Label Night. Andere Auftritte im In- und Ausland sind geplant bzw. schon vereinbart, aber wir können sie natürlich erst ankündigen, wenn der Veranstalter sie auch veröffentlicht. Es lohnt sich also, immer mal wieder auf unsere Website www.frequencydrift.com zu schauen, dort kündigen wir alle Gigs an.

MCR:  Ich meine mal gelesen zu haben, daß sich das Songwriting bei euch auf viele Schultern verteilt, stimmt das, oder gibt es hier strikte Trennung zwischen Lyrics und Musik ?

Nerissa:  Die Musik, einschließlich der Gesangsmelodien, wurde auf den ersten paar Alben ausschließlich von Andreas geschrieben und inzwischen von uns Beiden. Die Texte auf „Last“ stammen von mir. In vielen Bands gibt es ja nur einen oder zwei Songwriter, und ich denke aus gutem Grund. Ich glaube, wenn zu viele an den Songs schreiben, droht die Musik über ein ganzes Album hinweg zu zerfasern oder nach Jamsession zu klingen. Gerade bei unserer Musik, die ja nicht einfach einen virtuos gespielten Teil an den anderen reiht, sondern viel Atmosphäre aufbaut, schlüssige Melodien und einen sehr ausgeprägten Erzählfluss hat, ist es wichtig, dass es zumindest pro Song eine Person gibt, die den ganzen Song und das Konzept im Blick behält.   

Trotzdem geben wir nicht alle Details strikt vor. Die anderen Musiker haben immer noch viele Freiräume, was eigene Arrangement-Ideen, Variationen oder Solos angeht. Von den anderen vier Musikern, die an Last mitgewirkt haben, hat wahrscheinlich Wolfgang dem Album am stärksten seinen Stempel aufgedrückt.

MCR:  Nach wie vor finden sich viele Elemente aus dem (neo)Progrock-Bereich in euren Songs. Wie weit fühlt ihr euch dieser Szene (noch) verbunden ? Verfolgt ihr die Szene weiterhin ?

Andreas:  Zwischen meinem 14. und 24. Lebensjahr habe ich wahrscheinlich täglich Marillion, Yes, King Crimson und Genesis gehört. Diese Art von Musik ist mir also mit Sicherheit in Fleisch und Blut übergegangen. Und ja, ich verfolge die aktuelle Szene auch noch weiterhin sehr aufmerksam. Allerdings finde ich, dass sehr viele aktuelle Bands oft zu rückwärts gewandt denken. Die großen Werke des klassischen Progressive Rock gibt es schon und diese zu übertreffen, ist eigentlich unmöglich. Deshalb sollte man auch besser seinen eigenen Stil finden und sich auch anderen Einflüssen nicht verschließen, nur so kann man wirklich Neues erschaffen.

MCR:  Sehr viele ruhige, entspannte Phasen wechseln sich mit dramaterischen Szenen ab, beispielsweise bei „Asleep“. Wie schwer sind solche Stimmungsschwankungen live umzusetzen?

Andreas:  Da wir sehr regelmäßig proben und uns vor bzw. während der Proben schon viel Gedanken machen, wie die jeweilige Passage umzusetzen ist, ist es kein Problem verschiedene Stimmungen live darzustellen. Tatsächlich ist das aber eine Sache, auf die wir besonders achten, da die Musik ja in großen Teilen von genau dieser Dramatik lebt.

MCR:  Gibt es Pläne, das neue Album auch visuell umzusetzen, z. B. Durch verschiedene Videos zu einzelnen Songs ?

Andreas:  Oh, Pläne gibt es viele. Inwieweit sich diese allerdings auch finanzieren lassen, ist immer einer andere Frage. Grundsätzlich ist es im Moment jedoch so, dass wir schon durch eine möglichst mitreißende musikalische Darbietung das Publikum begeistern wollen.

MCR:  Zumindest in der mir vorliegenden Promo Version von „Last“ endet das Album abrupt. War das so beabsichtigt und warum ?

Andreas:  Der Schluss ist einerseits überraschend und andererseits offen, da wir uns bewusst dazu entschieden haben, das Lied bzw. das Album mit keinem eindeutigen Schlusston zu schließen. Das ist auf gewisse Weise ein Bezug auf die Doppeldeutigkeit des Albumtitels, denn durch das Fehlen eines letzten Abschlusses erzeugt man eine Illusion des Andauerns.

MCR:  Wie sehen die Pläne von Frequency Drift in naher Zukunft aus ? Gibt's schon Ideen für nächste Werke oder andere musikalische Spielwiesen ?

Nerissa:  Wir haben auch andere musikalische Projekte am Laufen. Ich habe im letzten Jahr ein Solo-Album aufgenommen, das ich plane, in diesem Jahr zu veröffentlichen, und auch Andreas schreibt und veröffentlicht Solo-Sachen.

Für Frequency Drift haben wir tatsächlich schon wieder ein paar musikalische Ideen in der Schublade, und es gibt auch schon eine vage Idee für ein Konzept. Im Moment konzentrieren wir uns aber erst einmal auf Liveauftritte. Wir möchten auch noch etwas zeitlichen Abstand zu „Last“ gewinnen, um nicht Gefahr zu laufen, das gleiche Album noch mal zu schreiben. Nur soviel können wir schon verraten: „Last“ wird mit großer Sicherheit nicht unser letztes Album sein.

MCR:  Vielen Dank. Wenn ihr noch ein paar Worte an die Leser richten wollt....bitteschön.

Nerissa:  Vielen Dank zurück! Besucht gerne unsere Website, und wir freuen uns, wenn ihr zu unseren Gigs kommt!

Interview geführt von Erich Robbers   

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